IARU02
 Tramp-Fahrt 2018

Fahrt mit einem Trampschiff
im Bereich westliche Nordsee Nord-Frankreich – nördliche Ostsee Nord-Finnland


Bisher bin ich nur in der Regel auf Containerschiffen gefahren, die über Monate feste Fahrpläne hatten. Man konnte Aufsteigen und abmustern schon über einen Monat vorher fest planen, Fahrkarten zur Hafenstadt und ggf. ein Hotel vorab günstig buchen.

Das alles ist auf einem Trampschiff nicht möglich.

Ursprünglich wollte ich nach unserer vorerst letzten betrieblichen Brückenprüfung in Rothenstein ab dem 03. September entweder auf MV „Elke W“ oder „Egon W“ der Reederei Wieczorek aufsteigen. Beide Schiffe waren zu diesem Zeitpunkt zum einen in Spanien, zum anderen noch in Nordfinnland.

Der Aufstieg auf Trampschiffe der Reederei Wieczorek erfolgt in der Regel in der Schleuse Kiel- Holtenau.

Kein Schiff – kein Aufstieg. Zunächst für mich nicht so gut.

Die vorerst letzte Meldung der Agentur lautete, ich könne am Mittwoch, den 19. September 2018 aufsteigen.

Da die Liegezeit in der Schleuse nur etwa eine halbe Stunde beträgt, bin ich bereits am Montag, den 10.09.2018 in Kiel angereist und habe mich für zwei Tage im Hotel „Atlantik“ eingemietet.

Es kam, wie zu erwarten, ein Anruf von der Agentur UCA (United Canal Agency), welche „Egon W“ für Freitag, den 21.09.2018 gegen Mitternacht avisierte. Das muß nach meiner Erfahrung noch gar nichts bedeuten. Da mein Hotel ausgebucht war, konnte ich meinen Aufenthalt im „Atlantik“ nicht verlängern und bin in das Hotel „Maritim Kiel“ umgezogen. Angenehm war, ich konnte in diesen Tagen die Stadt Kiel etwas näher kennenlernen.
„Egon W“ lag zu diesem Zeitpunkt noch in Odense, das liegt auf der Insel Fyn in Dänemark. Danach soll das Schiff nach Wismar gehen und dort Speisesalz laden.
Zwischenzeitlich habe ich mit dem Kapitän der „Egon W“, Herrn Förster, telefoniert.
Er meinte, daß sich die Beladung in Wismar noch etwas verzögert und das Schiff erst am Freitag, den 21.09.2018 gegen 08 Uhr die Schleuse Kiel-Holtenau erreiche wird. So war es dann auch.

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Das Seemannsheim in Kiel-Holtenau.

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Hier kann man auch ohne Luxus preiswert übernachten, muß sich aber voranmelden.

Ein Taxi brachte mich vom Hotel zum Seemannsheim an der Schleuse. Dort kann man in einem bequemen Aufenthaltsraum bei einem Kaffee längere Zeit verweilen. Es gibt etwas zu lesen, man hat WLAN und eine angenehme Atmosphäre mit Seeleuten aus aller Welt.
Kurz vor 08 Uhr holte mich eine junge Dame der Agentur UCA im Seemannsheim ab, mein Gepäck wurde auf einen kleinen Elektro-Karren geladen und wir fuhren über die beiden Schleusentore bis zum Liegeplatz von MV “Egon W”.
Dort wurden schon Proviant und viele andere wichtige Dinge für die kommende Reise an Bord genommen. Ich schmuggelte mich dazwischen, bringe meine Sachen auf meine Kammer und melde mich bei Kapitän Tino Förster. Die üblichen Prozedere.

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MV “Egon W” im Kiel-Kanal.

„Egon W“ ist mit 82 m Länge und 12 m Breite das kleinste Schiff, auf dem ich je gefahren bin, ist aber auch wohl eines der Angenehmsten. Das Rufzeichen ist V2CE5, Flagge Antigua & Bermuda mit Heimathafen St. Johns.
Ein KüMo, ein Küstenmotorschiff.

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Wir laufen unter der Flagge von Antigua & Barbuda in der Karibik mit Heimathafen St. Johns. Weder das Schiff noch irgend ein
Besatzungsmitglied hat diesen Hafen je gesehen. Wohl mehr etwas für die Steuererklärung der Reederei.

Wir können Schüttgut von 160.000 cbft oder Holz von bis zu 4.500 m3 transportieren. Die mögliche Kapazität für Container beträgt 136 TEU.
Die Besatzung besteht aus 7 Personen, Kapitän und Chief Mate sind biologisch Deutsche, unser Chief, der Cookie und unsere beiden Decksleute kommen aus Ghana in Süd-West-Afrika.
Die Tatsache, daß dieses Land vor 1918 deutsche Kolonie war, wurde von der ghanaischen
Mannschaft gern positiv erwähnt.
Das habe ich so nicht erwartet, ist wohl derzeit auch politisch nicht ganz korrekt.
Unser Chief aus Ghana lebt mit seiner Familie seit wenigen Jahren in Hamburg. Er spricht auch etwas deutsch und englisch. 

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Die Hauptmaschine, eher ein Maschin’chen.

Die Hauptmaschine ist eine 4-Takt 12 Zylinder Caterpillar 3512 DI-TA 749 kW mit einer festen Drehzahl von 1.500 rpm. Sie kann weit mehr, wurde aber auf den Papieren auf unter 750 kW gedrosselt. Chief‘s mit einer Lizenz bis 750 kW sind für die Reederei gehaltsmäßig weit günstiger im Einkauf. Unser afrikanischer Chief hat auch wirklich nur diese Lizenz. 
Mit der Seefahrt kann eine Reederei heute kein Geld mehr verdienen, an der Seefahrt verdienen sich aber Unzählige, Zertifizierer, Lieferanten, Makler etc. eine goldene Nase.

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Die Hauptmaschine, eher ein Maschin’chen.

Als Brennstoff fahren wir MGO nach ISO 8217:2010 DMA, das ist ein fetter Marinediesel mit einem Schwefelgehalt von weniger als 1 %. Die Zeiten von HFO, also Schweröl sind in Nord- und Ostsee-Gewässern zunehmend vorbei.
Das Schiff verfügt auch über ein Bugstrahlruder mit einer elektrischen Leistung von 220 kW.

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Der Hilfsgenerator auf dem Hauptdeck. Er liefert auch noch Strom, falls der Maschinenraum bereits unter Wasser stehen sollte.

Freitag, 21.09.2018
Wir befahren den Kiel-Kanal westwärts in Richtung Brunsbüttel. Ein Kanal-Steuerer und ein Kanallotse sind an Bord gekommen. Man kommt ins Gespräch. Beide hoch intelligent, mit zahlreichen Berufsjahren als Kapitäne auf großer Fahrt.
Einer der beiden, durch ARD und ZDF politisch und weltanschaulich durchgeformt und von Qualitätsjournalisten stets umfassend informiert, zeigte keine Veranlassung, auch nur irgend etwas in unserer schnelllebigen Zeit, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft kritisch zu hinterfragen.
Ein unvorstellbar naiv - glücklicher Mensch, der die GRÜNEN aus Überzeugung wählt, wie er meint. Für ihn persönlich wird seine Rente / Pension wohl bis an sein Lebensende reichen.
Er hat weder Kinder noch Enkel, um die er sich Sorgen für die Zukunft machen müßte.

Der zweite Kanal-Lotse war hingegen aufgeschossener und in der Lage, über den Tellerrand der Gesellschaft hinaus zu schauen und seine persönlichen Schlußfolgerungen zu ziehen. Er war bis in die späten 80er Jahre Kapitän bei der früheren, sehr erfolgreichen DSR. Er hat Kinder und Enkel, um die er sich mit Recht große Sorgen für ihre Zukunft macht.
Damit steht er nicht allein.

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Brunsbüttel, Nord-Ostsee-Kanal.

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Lotsenboot im Kanal.

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Die Hochbrücke Brunsbüttel, 2.826 m lang, 42 m hoch.

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Kanalschleuse.

Die Kanaldurchfahrt war wie immer wunderschön. Beidseitig sehr gut ausgebaute, intensiv und wirtschaftlich gut geführte landwirtschaftliche Anwesen. Das Wetter war sonnig und fast windstill.
Letzte E-Mails wollte ich gern noch absetzen, das Mobilfunknetz im Kanal ist jedoch extrem langsam, oft nur auf G2 EDGE-Niveau. Ich frage mich immer, wie unsere Nachbarländer das so gut hinkriegen.
Bald sollen wir ja in Deutschland G5-Standard haben, das hat tatsächlich sinngemäß so in den Zeitungen gestanden.
Vermutlich zunächst im ländlichen Raum - kleiner Scherz zur Aufmunterung.

Die Lotsen gehen nach Brunsbüttel von Bord.
Die Fahrt von Brunsbüttel in die Nordsee und den sich anschließenden Englischen Kanal (Ärmelkanal) ist meteorologisch recht bewegt.

Samstag, den 22.09.2018
Wir erreichen die Nordsee. Das Barometer zeigt 980 hPa, wir haben uns ein ausgewachsenes Tiefdruckgebiet mit all seinen unangenehmen Begleiterscheinungen auf See ausgesucht.
Trotzdem wir mit 3.800 metrischen Tonnen Speisesalz gut abgeladen sind, sind wir bei Windstärken 7-8 bft nicht nur gerührt, sondern auch geschüttelt – und das in drei Dimensionen. Obwohl ich mich ständig mit zwei Händen irgendwo festklammern muß, schmeckt das Essen.
So etwas wie Duschen geht bei derartigem Seegang nicht wirklich, ich setze mich zum Duschen.

Die anfängliche Seekrankheit habe ich glücklicherweise schon vor vielen Jahrzehnten wohl für immer überwunden.
Unser Cookie, unser ghanaischer Chefkoch an Bord, bereitet uns zu Mittag Linseneintopf mit Bockwurst, Senf aus Thüringen. Samstags gibt es immer Eintopf – ein Genuß.

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Stephen, unser Chef-Koch aus Ghana, aufgenommen im Hafen von St. Malo. Verbindung über WhatsApp mit seiner Familie in Afrika.


Sonntag, den 23.09.2018
An Bord auf offener See ist jeder Tag so schön wie jeder andere. Die abwechselnden Wachen und die Mahlzeiten bringen eine gewisse Struktur in den Tag. Viel Ruhe und mal ausschlafen ist angesagt.
Die Fahrt durch den Englischen Kanal ist wenig spektakulär. Am Horizont auf etwa 3 Uhr ist die Küste von England zu erahnen. Wir fahren in etwa 20 sm Abstand zur Küste. Mobilfunk in GSM-G2 sowie SMS sind gelegentlich noch möglich, Internet in G4, also LTE, ist bis zum nächsten Hafen mit Ausnahme der Kanalenge zwischen Dover und Calais nicht mehr verfügbar.

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Meine bescheiden kleine Kammer, die Naßzelle mit Dusche, WC, Waschmaschine und Wäschetrockner teile ich mir mit dem Kapitän.


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Die Naßzelle teile ich mit dem Kapitän.


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Der Neoprenanzug paßt wie für mich maßangefertigt. Auf das Sichten und Anlegen der persönlichen Rettungsmittel lege ich größten
Wert. Schutzhelm und die Rettungsweste müssen exakt passen. Den NEO kann man bei Raumtemperatur nur kurze Zeit aushalten,
ohne ins Schwitzen zu kommen, wohl mehr etwas für die Ostsee, hi.


Es gibt bei uns an Bord auch Fernsehen, das habe ich aber niemals genutzt. Wir bezahlen natürlich als Familie unsere GEZ-Gebühr regelmäßig, das gehört sich ja so, ansonsten erwartet uns ja eine Haftstrafe. Da funktioniert der Staat.
Sender aus Deutschland muß ich mir, bis auf wenige fachlich gute Beiträge auf verschiedenen Doku-Kanälen aber weder ansehen noch anhören.
Tägliche Nachrichten des “Deutschen Qualitätsjournalismus” nutze ich seit Jahren nicht mehr. 
Im Radio an Land oder über Laptop auf See höre ich entspannt Musik von meinem USB-Stick oder meine Lieblings-Hörfunksender via Internet.
Nachrichtensendungen aus Deutschland, egal über welchen deutschen Sender, führen bei mir zu Hypertonie und Brechreiz. Das hat mir mein Hausarzt verboten.
Für mich gibt es mittlerweile qualitativ viel bessere Informationsquellen im In- und Ausland.

Montag, den 24.09.2018
Wir erreichen den westlichen Teil des Ärmelkanals. Das Barometer zeigt 1013 hPa, was die See merklich besänftigt. Wir passieren die Kanalinseln, wunderschön.
In Höhe der Kanalinseln Guernsey und Jersey haben wir das Tiefdruckgebiet wohl hinter uns gelassen, das Wetter wird zunehmend freundlicher, auch die Stimmung an Bord.
Steuerbord können wir Guernsey am Morgen bei guter Sicht gut erkennen. Die Winde haben auf 2-3 bft abgeflaut – eine angenehme Fahrt.

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Saint Malo an der französischen Nordküste. Die Stadt ist wie eine Festung aufgebaut.

Gegen 18:10 Uhr ist Pilote-Time, der Lotse für Saint Malo kommt an Bord. Die Revierfahrt dauert einschließlich der Schleuse von Saint Malo knapp zwei Stunden. Mobilfunk liegt im Standard G4 / LTE mit > 50 Mbit/s an. Wie die Franzosen das nur machen?
Um 20:08 Uhr Schiffszeit machen wir in Saint Malo in der Bretagne / Frankreich fest.
Obwohl wir uns westlicher als Greenwich in England befinden, macht die Zeitzone um uns einen großen Bogen.
In Saint Malo gilt wie in ganz Frankreich Mitteleuropäische Zeit MEZ wie in Kiel.

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Die Schleuse von St. Malo gewährleistet im Hafen einen etwa ausgeglichenen Pegel bei den Gezeiten des Atlantiks.

Das Löschen der Ladung soll erst am Dienstagmorgen beginnen – und dann auch nicht gleich sofort - wir sind in Frankreich, hier lebt man nicht um zu arbeiten, sondern arbeitet um zu leben.

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Der Yachthafen von St. Malo in Frankreich.

Dienstag, den 25.09.2018
Wir sind in Frankreich, geprägt von Lebensart, Kultur und Ruhe. Deutsche Hektik und das Mallochen bis zum Umfallen, für Steuern, die am eigenen Volk vorbei gehen, mag man in Frankreich gar nicht. Hier in der Bretagne lebt man noch wirklich gut und gerne.
Die Durchmischung mit bunten Vögelchen hält sich hier in erträglichen Grenzen.
Die Decksmannschaft und der Chief aus Ghana erhalten Gruppen-Landgang von 8-10 Uhr. Die Rückkehr der Mannschaft ist pünktlich. Da ist unser Kapitän mit recht etwas pingelig.

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Die Hafenbehörde in St. Malo.

Gegen 10 Uhr gehe ich mit Rucksack auf kleinen Einkaufslandgang.

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Innenstadt von St. Malo, unzählige Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein.

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St. Malo in der Bretagne.

Auf dem Speiseplan für Mittwoch stehen Königsberger Klopse mit Kapernsoße.
Kapern sind an Bord knapp geworden, nicht ausreichend für ein Mittagessen an Bord.
Ich habe Landgang und werde in einem der Geschäfte nach Kapern fragen. Kapern wird es sicher in jedem Lebensmittelgeschäft geben. Leider kenne ich das Wort für Kapern nur auf deutsch, englisch “capers” und tschechisch “kapary” – aber auf französisch?
Kein Mensch versteht mich zunächst im Supermarkt.
Ich bemühe den Google-Übersetzer, eine tolle Sache.
Kapern heißen auf französisch „Câpres“, sieht ja ähnlich aus, aber wie spricht man das aus? Wir konnten das Problem schriftlich lösen und ich hatte meine 6 Gläs’chen Câpres im Einkaufskorb.
Die Königsberger.... (DDR-politisch korrekt: Kochklopse) waren gerettet. Solchen Schwachsinn kennt man vermutlich nur in Deutschland.
In 20 Jahren werden wir in Deutschland wohl ganz andere Probleme haben.

Zurück in die Bretagne.
Fünf Flaschen guten französischen Rotweins Jahrgang 2014 durften bei meinem Einkauf natürlich nicht fehlen. Der Rucksack war recht schwer geworden.
Damit hatte der Tag eine klare Struktur.

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Löschen der Ladung feinsten Kochsalzes.

Gegen Mittag werden die Luken geöffnet und das Löschen der Speisesalz-Ladung mittels Kran und Greifer erfolgt vorsintflutlich. Die Rieselverluste am Greifer sind enorm. Um den Verlust an Tonnage ggf. erklären zu müssen, wurde die Löschung auf Video dokumentiert.
Kapitän, unser Chief Mate und ich gehen am frühen Abend auf Landgang, genießen die französische Lebensart in zahlreichen Restaurants mit feinster französischer Küche sowie Bars der Stadt. Wunderbar.
Aus Sicherheitsgründen klinke ich mich vor Erreichen der zulässigen Promillezahl aus, kehre zum Schiff zurück, halte Stallwache und hoffe, daß keine Kontrolle durch die Polizei erfolgt.
Nach den Gesetzlichkeiten muß immer ein Besatzungsmitglied im Hafen auf dem Schiff nüchtern oder bis maximal 0,8 ‰ anwesend sein.
Bei mir ist die zulässige Promillegrenze wohl auch längst überschritten, komme aber in senkrechter Haltung und ohne Schürfwunden an Bord zurück. Es gab keine Kontrolle durch die Polizei. Kapitän und Chief Mate kehrten am frühen Morgen gegen 03 Uhr zurück an Bord und hatten keinerlei Erinnerungen mehr an den vergangenen Abend.

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Der Laderaum, AS Albert bei letzten Reinigungsarbeiten.

Mittwoch, den 26.09.2018
Gegen Mittag war die Ladung komplett gelöscht, jetzt ging’s ans große Saubermachen. Bevor wir morgen in England hochwertige Bier-Brau-Gerste an Bord nehmen können, muß der Laderaum komplett salzfrei und mit Süßwasser gereinigt sein. Das wird durch Beprobung überprüft.
Um 18:15 ist Pilote-Time, der Lotse ist an Bord. Pünktlich 18:30 werden die Leinen los gemacht, durchfahren die Schleuse und nehmen Kurs auf Shoreham by Sea, ein bescheiden kleiner Hafen westlich von Brighton an der britischen Südküste. Eine Tagesfahrt.

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Einlaufen in Shoreham by Sea, das liegt in Südengland in der Nähe von Brighton.

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Shoreham by Sea.

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Die Schleuse von Shoreham by Sea, einige Boote kommen mit in die Schleuse.

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Donnerstag, den 27.09.2018
 Gegen 14:20 Schiffszeit = 13:20 LT in England erreichen wir Shoreham. Der Getreidehafen, weit ab der Stadt gelegen, lädt nicht zu einem Landgang ein. Die Beladung erfolgt über Schneckenförderer weitgehend automatisch. Erstaunlicherweise sagt man uns Ladearbeiten während der gesamten Nacht zu.

Freitag, den 28.09.2018
Um 08 Uhr Schiffszeit = 07 Uhr LT ist die Beladung komplett. Die Luken sind verschlossen. Auslaufen können wir dennoch erst gegen Mittag. Wir haben Niedrigwasser und müssen bei unserem derzeitigen Tiefgang von 5,5 m das Hochwasser abwarten. Nächster Anlaufhafen ist Papenburg an der Ems in Deutschland.
Etwa zwei Seetage liegen vor uns.
Gegen Mitternacht erreichen wir die Kanal-Enge zwischen Dover und Calais im Englischen Kanal. Die See konnten wir etwas besänftigen, mit 2-3 bft Wind ist die Überfahrt recht angenehm.
Getreideladung ist nicht unproblematisch, unser Laderaum ist mit 3.520 t nicht vollständig gefüllt. Getreide läuft bei Krängung des Schiffes wie Wasser. Es gibt daher auch zahlreiche Dienstvorschriften für derartige Getreidetransporte bezüglich Wind, Winkel, Wellen etc.

Aus dem Untergang des Lastenseglers „Pamir“ in den 50er Jahren hat man wohl dazugelernt.
Um 10:30 Uhr Schiffszeit = MEZ erreichen wir in Position N52°09’40,2“ E03°12‘2,2“ etwa die Höhe von Den Haag / Niederlande mit SOG 9,8 kts und COG 047,0° bei 2 bft Wind.
Unser Cookie bietet heute Linseneintopf mit Bockwurst, mit etwas Zucker und Balsamico nachgewürzt, wunderbar.
Der Speiseplan ist das Einzige, was an Bord demokratisch ausgehandelt wird. Dafür nehmen wir uns auch ausreichend Zeit.
Gerichte wie “Rinderzunge in Meerrettich-Soße”, “Ochsenschwanz in Madeira-Soße” und andere Köstlichkeiten sind hier auf MV “Egon W” durchaus die Regel. Das hat etwas mit den Organisationstalent von Kapitän Förster und seinem Geschmack für gutes Essen zu tun. Wir kochen hier regelmäßig auch gern mal gemeinsam.
Ansonsten gibt es auf den Schiff eine klare Befehlsstruktur mit dem Kapitän an der Spitze.

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Die Brücke von Egon W.

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Kapitän Förster.

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Kapitän Förster und Chief Mate Heller.

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Brückendeck backbord mit den Akkumulatoren für die Navigationstechnik.

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Brückendeck steuerbord mit den Akkumulatoren für die Funktechnik.

Mit Michel Heller, unseren Chief Mate bin ich auf CO-Wache. Eine ruhige Wache, nur mäßiger Schiffsverkehr im Kanal, bestes Wetter mit guter Sicht. Zeit und Gelegenheit, den bereits überfälligen Papierkram abzuarbeiten.
Gegen 16 Uhr Schiffszeit verlassen wir den Englische Kanal, befinden uns in Höhe von Alkmaar / Niederlande auf Position N52°37’44,1“ E03°54’34,9“ mit SOG 8,5 kts und COG 050,1° bei 1 bft Wind.

Samstag, 29.09.2018
Gegen Mitternacht erreichen wir die Kanal-Enge zwischen Dover und Calais im Englischen Kanal. Die See konnten wir etwas besänftigen, mit 2-3 bft Wind ist die Überfahrt recht angenehm.
Kein Telefon, kein Internet – man unterhält sich in der Messe oder auf der Brücke wie früher, so von Mensch zu Mensch, ohne ein dazwischen geschaltetes Smartphone.
Die ganz junge Generation würde daran wohl verzweifeln.

Sonntag, 30.09.2018

Mit der Einfahrt in die Ems, die Insel Borkum backbordseitig passierend, beginnt mein Smartphone ganz aufgeregt zu klopfen. Sieben entgangene Anrufe, mehrere WhatsApp Nachrichten und zahlreiche E-Mails.
Und das am Wochenende. Ich befürchte schlimme Nachrichten von zu Hause. Nichts der Gleichen. Meine XYL hat Sehnsucht nach mir. So etwas geht an Bord runter wie Öl.

Heute am Sonntag gibt es mittags Kräuterquark mit Pellkartoffeln. Ein Genuß. Manche Kollegen essen dazu noch eine Bockwurst, mag ich persönlich aber nicht. Quark mit reichlich Zwiebel, Kräutern und Pellkartoffeln sind für mich optimal.
Gutes Essen hat bei uns auf dem Schiff einen hohen Stellenwert. So ist letztendlich auch die Stimmung und Arbeitsmoral an Bord.
Die Revierfahrt auf der Ems bis Papenburg ist ohne Lotsen eine anspruchsvolle Arbeit, die Kapitän und Chief Mate auch Nerven kosten. Die Fahrrinne ist nicht ausreichend durch Tonnen markiert.
Wir haben einen Tiefgang von 5,5 m, die Fahrrinne ist bei Hochwasser maximal 6,0 bis 6,5 m tief. Vor uns läuft MV „Riga“, die einen Lotsen an Bord hat. Unser Einverständnis vorausgesetzt, bittet “Riga” uns Steuerbord-Backbord überholen zu dürfen. Die geringe Strömung bei Hochwasser in der Ems ausnutzend gehen wir auf 4 Knoten Fahrt zurück und hoffen nach Riga ohne Verzögerung die Schleuse passieren zu können. Der Wunsch erfüllt sich leider nicht. Riga bummelt unvorstellbar langsam vor uns her, wir verlieren viel Zeit.
Nach der Scheusung um 17:10 Uhr machten wir am Liegeplatz von „Schulte & Bruns“ fest.
Nach Abarbeitung der Zollformalitäten entschlossen wir uns, dem Irish Pub von Papenburg einen Besuch abzustatten. Sehr schön dort. Gegen 2 Uhr morgens waren wir zurück.

Montag, 01.10.2018
Die Löscharbeiten mit Kran und Greifer haben zwar hier nicht die Rieselverluste wie bei unserem Salztransport nach Frankreich. Die Technologie des Löschens ist dennoch vorsintflutlich. Das Wetter war den ganzen Tag von ergiebigen Schauern durchwachsen. Luke auf – Luke wieder zu. Die Brau-Gerste darf nicht naß werden.
So kommen die Löscharbeiten nur durchwachsen voran.

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Security-Container, nur für uns, 24 Stunden besetzt.

Ende 2002 hatte die Internationale Schiffahrtsorganisation IMO auf Drängen der USA den sogenannten ISPS-Code (International Shop and Port Facility Security Code) beschlossen.
Aus Sicherheitsgründen dürfen danach nur noch autorisierte Personen den Hafenbereich betreten. In Ermangelung eines fest eingezäunten und bewachten Hafens in Papenburg erhalten wir einen Security-Container, 24 Stunden besetzt.
Drei Arbeitsplätze für 24 Stunden, wohl im Niedriglohnbereich, aber immerhin gut für den ISPS- Code. Dafür ist immer Geld da.

Gut aber auch für die Kollegen im Container, wenigstens ein sicherer, stressfreier Arbeitsplatz. Der Absperrzaun ist mehr virtuell, aber ein guter Anfang, man muß das eben positiv sehen. Es ist ja auch nichts passiert. Dummheit hat in Deutschland mittlerweile unvorstellbare Ausmaße angenommen. Niemand merkt es. Noch nicht.

Das Mobilfunknetz ist im Hafen von Papenburg ist extrem langsam, nur auf G2 EDGE-Niveau.
Ich frage mich immer, wie unsere Nachbarländer das mit LTE so gut hinkriegen.

Wildschweinbraten mit Mischgemüse und Kartoffelpüree und zahlreiche Rohkostsalate stehen heute auf dem Speiseplan.
Sehr gut. Wer dienstfrei hat, geht auf Landgang und besorgt noch wichtige Dinge für die Fahrt in den Saimaar in Finnland.
In den kleinen finnischen Häfen sind die Einkaufsmöglichkeiten eher nur begrenzt möglich.


Ein 5 m langes VGA-Kabel für den Anschluß unseres Monitors an die elektronische Seekarte fehlt uns noch immer.
Bei MediaMarkt – Fehlanzeige. Ich versuche es morgen früh zunächst bei weiteren Elektronikfachmärkten in Papenburg.
Ich grase am Abend telefonisch alle Firmen der Region ab, die sich in irgendeiner Form mit Elektronik befassen. Alle könnten das Kabel bestellen - das wäre für uns zu spät.
Bei einem Elektrofachhandel in einem Nachbarort werde ich fündig. Sie haben das Kabel, ich lasse es bis morgen früh für uns zurück legen. Ein ganz kleines Erfolgserlebnis.

Dienstag, 02.10.2018
Die Löscharbeiten mit Kran und Greifer gehen seit 06:00 Uhr gut voran. Regenschauer unterbrechen immer wieder die Entladung. Wir werden heute nicht fertig. Das ist schon abzusehen.
Wir nutzen den Tag zum Einkauf von Vorräten für die Schiffsküche, die zum Teil zur Neige gegangen sind.
Unser Agent fährt uns freundlicherweise mit dem Firmen Kombi-PKW der Agentur.
Zunächst kaufen wir bei einem Elektrofachhändler das benötigte VGA-Kabel, 5 m lang, für unseren Zweitmonitor der elektronischen Seekarte.
Danach bringt uns der Agent zu Kaufland in Papenburg. Die Reederei hat uns nach telefonischer Rückfrage ein Barlimit für den Einkauf von ca. 300 Euro gesetzt. Wir kaufen nur die preisgünstigsten Produkte ein, dafür aber nur das, was von der Crew wirklich gern gegessen wird. Das Geld entnehmen wir der Schiffskasse gegen Belege.
Es hat funktioniert, wir liegen nur 2 Euro über dem vorgegebenen Limit der Reederei.
Wir haben drei prall gefüllte große Einkaufswagen für 302 Euro eingekauft.
Kapitän Förster ist ein sehr guter Mann, die Reederei sollte das eigentlich wissen.

Beim Schiffsausstatter hätten wir qualitativ weit schlechtere Produkte mindestens zum doppelten Preis bekommen. Nur Mineralwasser bestellen wir noch beim Schiffsausstatter. Die Plastikflaschen sind hier pfandfrei und wir bekommen die schweren Wasserpakete bis an die Gangway des Schiffes geliefert. Das Mineralwasser ist zwar von bescheidener Qualität, aber trinkbar, man gönnt sich ja sonst nichts. Der Tag klingt ruhig aus.

Mittwoch, 03.10.2018
Am 03. Oktober arbeitet in Papenburg an Land niemand. In Papenburg und Umgebung wird ein deutscher Feiertag zelebriert, genau wollte uns das aber auch niemand sagen. In der Stadt sind viele türkischen Fahnen zu sehen, deutsche Fahnen gab es auch vereinzelt an manchen öffentlichen Gebäuden. Deutschland soll sich ja in den nächsten Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändern, habe ich gelesen.
Wir werden zeitnah ein multikulturelles Land, wunderschön und bunt. 
Wir können wohl erst am Donnerstagabend bei Hochwasser auslaufen. Wir laufen ohne Ladung aus. Unser Tiefgang ist ohne Ladung nur 2,98 m.
Nach dem Tidenkalender ist das nächste Hochwasser am Donnerstag, 04.10.2018 um 20:12 Uhr. Das bedeutet Auslaufen in die Nacht hinein. Und das bei der hundsmiserablen Betonnung der Ems.
Ein Schiff ist nur dann rentabel, wenn es fährt. Dieser dritte Oktober zwingt uns wieder zu einer Tagespause. Wir schlafen uns mal richtig aus.

Donnerstag, 04.10.2018
Bereits ab 05:50 Uhr herrscht emsige Betriebsamkeit auf dem Deck. Das Wetter ist trocken und wir müssen jede Minute für das Löschen der Restladung an Brau-Gerste nutzen. Die Kollegen an Land sehen das leider nicht so eng.
Es steht jede Menge Papierkram an, wir teilen uns in die Arbeit.
Zu Mittag gibt es einen deftigen Schweinebraten oder eine Hähnchenkeule. Die Portionen sind riesig – ich muß den Cookie täglich bremsen.
Wir laufen 18 Uhr der Strömung auflaufend aus. Das Wetter ist stark bewölkt und wir kommen richtig in die Dämmerung. Die Ausfahrt aus der Ems geht in die tiefe Nacht. Kapitän und Chief Mate sind heute bereits den ganzen Tag auf den Beinen.
Unser Zielhafen ist Harlingen in den Niederlanden. Wenn wir morgen ankommen, haben Kapitän und Chief Mate jeder 33 Stunden Arbeitszeit am Stück hinter sich – und das ohne zusätzliche Vergütung.
Die Liebe zur Reederei Wieczorek und deren Wohlergehen ist beispielhaft.

Freitag, 05.10.2018
Gegen 10 Uhr erreichen wir die Ansteuerungstonne von Harlingen. Das Hafenbecken ist eng und erfordert von Kapitän und Chief Mate höchste Konzentration. An unserem ersten Liegeplatz nehmen wir nur Bigpacks mit Salz an Bord und verholen am Nachmittag an unseren zweiten Liegeplatz, an dem wir Straßensalz als Massenware für Finnland an Bord nehmen. Das Mobilfunknetz in Harlingen ist sehr schnell, auf G4- LTE-Niveau.
Ich frage mich immer, wie unsere Nachbarländer das so hinkriegen.


Egon 06 lütt
Nicht meine Einkommensklasse, gefällt mir aber auch nicht wirklich.

Egon 07 lütt
Auch nicht meine Einkommensklasse, gefällt mir aber schon eher.

Gegen 22:30 Uhr laufen wir aus. Kurs Kielkanal.

Samstag, 06.10.2018
Wir erreichen Brunsbüttel am Samstagmorgen. Michel Heller, unser Chief Mate, ist in Brunsbüttel zu Hause und nutzt die Gelegenheit, seine Familie zu treffen. Die Fahrt durch den Kanal ist eintönig, sie nimmt den ganzen Tag in Anspruch. Kanal-Steuerer und Kanallotse übernehmen auf der Brücke. Gegen 23 Uhr erreichen wir die Schleuse in Holtenau.
Kapitän Tino Förster geht von Bord und in seinen verdienten Urlaub.
Kapitän Maksym Kolesnikov aus der Ukraine, Baujahr 1981, löst ihn ab. Unter dieser Besatzung komme ich mir steinalt vor.

Sonntag, 07.10.2018
Ein sehr angenehm ruhiger Feiertag auf See. Wir passieren Fehmarn, später die dänische Insel Bornholm. Die See ist ruhig, 1-2 bft Wind. Die Decksleute haben ihren freien Tag.
Am Abend gibt es selbstgemachten Heringssalat, eine Spezialität von unserem Koch. Zur Feier des Tages gebe ich eine Flasche Sekt aus. Die Wachen wechseln jetzt im 6 Stunden Rhythmus in die ich mich mit einreihe.
Auf See ist jeder Tag so schön wie jeder andere.

Montag, 08.10.2018
Die See ist rauh und ruppig geworden, haben gegen Mittag die schwedische Insel Öland passiert und befinden uns gegen 17 Uhr etwa 80 sm östlich von Gotland.
Der Wind bläst aus West mit 7 bft. Die See ist aufgewühlt, weiße Kämme. Genau der richtige Zeitpunkt für ein Problem in unserer Maschine.
Der Chief meldet ein Leck in der Brennstoffleitung. Das passende Ersatzteil haben wir nicht an Bord. Die Maschine muß für 3 Stunden heruntergefahren werden.
Wir treiben manövrierunfähig in der Ostsee. Die kürzeste Entfernung zum Land sind 80 sm. Zum Anker werfen ist die Ostsee hier zu tief.
Im Umkreis von 12 sm ist kein Schiff auszumachen.
Wir sichern alle Gegenstände an Bord, kleinere Dinge werden in Kästen verstaut, gutes Klebeband ist jetzt etwas ganz wichtiges. Alle Stühle werden umgelegt.
Der Laptop und Amateurfunktechnik kommen unter die Bettdecke, nichts darf sich lagemäßig verändern können.
Der Wind bestimmt jetzt die Lage des Schiffes. Die Krängung beträgt bis zu 34°, die Rollzeit beträgt gerade mal 6 Sekunden. Das ist richtig happig, wir kommen damit dennoch gut klar.
Für unseren Chief kein einfaches arbeiten.
Im Maschinenraum ist eine Menge Diesel ausgelaufen, der Chief hat bis Mitternacht zu tun.

Dienstag, 09.10.2018
Wir laufen etwa 20 sm parallel zur estnischen Küste. Die Funknetze sind hier hervorragend ausgebaut, wir haben nahezu ständig LTE-Empfang. VHF zu den Küstenfunkstellen ist O.K.
Unser nächster Einlaufhafen ist Joutseno in Finnland. Hier löschen wir unsere Salzladung und versegeln weiter durch die finnische Seenplatte nach Puhos, wo wir Holzpellets für Dänemark laden.

Mittwoch, 10.10.2018
Wir erreichen russisches Seegebiet etwa 5 sm südlich der Insel Gogland / Гогланд um 06:35 LT mit der Position 59°57’42,8“N 27°01’55,6“E bei SOG 8,4 kts und COG 94°. Das Barometer zeigt 1.006 hPa, auffrischende Winde bei 2-3 bft.

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Eine russische Eisenbahnbrücke über den Saimaa - Kanal.

Die Landschaft ist wunderschön. Dichter Mischwald säumt den Fahrweg. Die Laubverfärbung hat bereits eingesetzt. Wunderschön.
Ab Gogland haben wir stabiles russisches LTE-Netz in bester Qualität, ohne Funklöcher. Wie die Russen das nur machen?
Auch die VHF-Kontakte zu russischen Seefunkstellen funktionieren perfekt.

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Russische bauliche Anlagen vor dem Kanal, Boote der russischen Küstenwache.

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Russische bauliche Anlagen vor dem Kanal, Boote der russischen Küstenwache.

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Russische bauliche Anlagen vor dem Kanal.

Wir erreichen in Brusitnoe die erste russische Schleuse, die von Finnland, wie der gesamte Kanal gepachtet ist. Die Schleuse ganz neu, erst im Mai 2018 generalüberholt. Die russische Stadt Wyborg lassen wir steuerbord und fahren in den etwa 30 sm langen Saimaa-Kanal. Bis zum Saimaa passieren wir noch 4 Schleusen. Der Höhenunterschied der finnischen Seen zum Finnischen Meerbusen der Ostsee beträgt mehr als 70 m. Die Schleusen sind geometrisch so
eng, daß beidseits der Schiffswände kaum mehr als 30 cm Freiraum verbleiben. Für Kapitän und Kanallotsen eine Herausforderung. Der Saimaa ist lotsenpflichtig.

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Die Schleuse Mälkiä.


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Die Schleuse Mälkiä.

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Die Schleuse Mustola.

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Viel breiter darf das Schiff nicht sein. 

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Der Saimaa - Kanal.

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Der Saimaa - Kanal.

Gegen 05 Uhr morgens machen wir im finnischen Hafen von Joutseno auf Position 61°07’45,8“N 28°28’31,3“E fest. Das Löschen der Salzladung beginnt bereits um 6 Uhr, die finnischen Kollegen arbeiten sehr effektiv. Alle 2 Stunden gibt es für 10 Minuten Pause aber wenn gearbeitet wird, dann strafff.

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Löschen der Ladung Straßen-Salz.


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Löschen der Ladung Straßen-Salz.

Michel, unser Chief Mate ist zu Fuß am Vormittag noch etwas Frisches einkaufen. Der Ort ist hafennah, in einer Stunde per pedes erreichbar.
Unser ghanaischer Chefkoch hat sich heute wieder selbst übertroffen. Das Essen schmeckte vorzüglich.
Um 14:55 Uhr Schiffszeit = 15:55 LT laufen wir aus, der Lotse ist an Bord. Unser nächster Anlaufhafen ist Pohos. Ein Nest, was auf keiner Landkarte zu finden ist. Google Maps ist fündig geworden. Die Fahrt über die Binnenseen von Finnland ist unbeschreiblich schön. Das Wetter spielt mit, strahlender Sonnenschein bei +10°C. Internet ist über LTE mit > 100 Mbit/s auf der gesamten Route verfügbar.

Donnerstag, 11.10.2018
Für die Fahrt durch die unzähligen Seen Finnlands bis zum Hafen von Pohos benötigten wir fast 18 Stunden. Die gesamte Strecke ist lotsenpflichtig.

Freitag, 12.10.2018
Gegen 06 Uhr Schiffszeit machen wir im Hafen von Pohos fest. Unsere Position ist 62°06‘9,8“N 29°55‘1,7“E.

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Ladung von Holzpellets im Hafen von Pohos / Finnland.

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Ladung von Holzpellets im Hafen von Pohos / Finnland. Die Beladung erfolgt bis in die späte Nacht.

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Ein großes Holzverarbeitungsunternehmen in Pohos / Finnland.

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Die Zollstation für den Hafen von Pohos. An Steß und Überarbeitung stirbt hier wohl niemand.

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Eine finnische Sauna, mitten im Wald, gleich am Hafen von Pohos / Finnland, nutzbar für Jedermann.

Ein kleiner Hafen, bestehend aus zwei Lagerhallen und einer Zollstation. Etwa 1 km nördlich befindet sich ein großes Holzverarbeitungsunternehmen, sonst weit und breit unberührte Natur. Die Beladung mit Holzpellets zu Heizzwecken erfolgt zügig per Kran und Greifer.
Wir laden 2.476 t Pellets. Ein Waage für die Ladung gibt es nicht. Die Frachtmenge wird über die Wasserverdrängung, also aus dem Tiefgang errechnet. Der Tiefgang wird gemeinsam mit dem Agenten vor und nach Ladung fotographisch dokumentiert. Das kann mit einer Genauigkeit von ca. 5 t erfolgen.
Pilot-Time ist 18:10 Uhr Schiffszeit.

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Der Köder ist wohl doch etwas zu groß.

Einige Crewmitglieder haben in ihrer Freiwache die Angel ausgeworfen. Kleine Fische gab es im Überfluß. Wo es unzählige kleine Fische gibt, müsste es auch große Fische geben. Keiner hat gebissen. Angeln an Bord ist wie ein CQ-Ruf auf dem 23 cm Band.
Der Kapitän schläft auf Vorrat, ab 18 Uhr steht für ihn eine mehr als 24-stündige Wache an.

Samstag, 13.10.2018
Ausschlafen ist heute ganz wichtig. Nach Nacht war lang. Der Morgen beginnt neblig und trist. Dunst liegt fast mystisch über den Seen. An sich wunderschön.
Am späten Nachmittag erreichen wir wieder die Einfahrt zum Saimaa. Was Wetter hat sich gefangen. Wir haben wieder strahlenden Sonnenschein. Auf den Inseln liegen wunderschöne Wochenendhäuser mit Bootsanlegesteg. Man hat den Eindruck, daß jeder Finne ein Wochenendhaus mit Bootssteg besitzt, das ist natürlich nicht so.
Wir sind im Gewässer Hirvisaarenselkä, steuerbord passieren wir den Golfplatz Etelä-Saimaa.
Pellisenniemi erreichen wir 15:35 LT auf Position 61°05’33,8“N 28°16‘09,3“E.
Die nächst größere Stadt in unserer Nähe ist Lappeenranta.
Die erste Schleuse im Saimaa ist Mälkiä, erbaut von 1927 bis 1933 um 16:09 LT auf Position 61°04’17,7“N 28°18’12,1“E. Der finnische Lotse geht von Bord und erhält Ablösung.
Die zweite Schleuse im Saimaa ist Mustola, um 17:10 LT auf Position 61°03’55,0“N 28°19’02“E, Temperatur 13°C.
Die dritte Schleuse im Saimaa ist Soskua, um 18:07 LT auf Position 61°02’24,8“N 28°24’03“E, Temperatur 14°C.
Die Fahrt in der Dämmerung bis in die Nacht genieße ich noch auf Deck. Die Lotsen steuern.
Es folgen noch zwei weitere Schleusgänge. Insgesamt müssen wir etwa 70 m Höhenunterschied zwischen den Binnenseen in Finnland und der Ostsee überwinden. Der gesamte Kanal, auch der Abschnitt im russischen Gebiet wird von Finnland betrieben und gewartet. Auch die Lotsen im Bereich Wyborg kommen aus Finnland.

Sonntag, 14.10.2018
Unsere Hauptmaschine sollte schon vor einem halben Jahr überholt werden. Die Abgastemperaturen sind am äusserten Limit. Wir können nicht mehr als 8 Knoten fahren. Das verschiebt unsere Ankunft in Næstved voraussichtlich auf Mittwochabend.
Um 10:00 Uhr Schiffszeit erreichen wir die Position 59°59’39,4“N 27°02’21,8“E etwa 3 sm südlich der russischen Insel Gogland. SOG 9,6 kts, COG 274°, 1-2 bft Wind bei wolkenlosem Himmel.
Heute ist Wahltag in Bayern. Schauen wir mal. Ein großer Erfolg für die Grünen.

Montag, 15.10.2018
Seetag bei ruhigem Wetter im finnischen Meerbusen. Kein Funknetz, weder VHF noch GSM.

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Rückmarsch, nächster Anlaufhafen ist Næstved in Dänemark.

Dienstag, 16.10.2018
Seetag bei ruhigem Wetter östlich Gotland und Öland. Um 23:12 Schiffszeit passieren wir Bornholm. Wir haben für eine halbe Stunde Netz und aktualisieren unsere Daten für unseren nächsten Hafen.

Mittwoch, 17.10.2018
Ein kompletter Seetag in dänischen Gewässern. Zahlreiche Vögel nehmen unser Schiff in Beschlag, so groß wie ausgewachsene Spatzen aber bunt und völlig ohne Angst vor Menschen.
Sie leben von der vorhergehenden Ladung an Gerste, da bleiben immer ein paar Körnchen übrig. Morgen früh erreichen wir Næstved, wir durchfahren den Fehmarnbelt am späten Abend. Die See ist völlig ruhig, über der Ostsee liegt ein mystischer Dunst, die Sichtweite ist kaum 3 sm.
Mein Koffer ist mehr oder weniger gepackt, diese Nacht werde ich noch mal Wäsche waschen, gehört sich schließlich so. In Næstved werde ich von Bord gehen.

Donnerstag, 18.10.2018
Pilote-Time für Næstved ist 04:00 Uhr Schiffszeit, wir machen gegen 6:30 Uhr in Næstved / Sjæland fest. Der Hafen ist in der Nähe des Stadtzentrums gelegen.
Internet liegt mit 5 Balken LTE an. Wie die Dänen das nur machen?
Ich kaufe mir online meine Fahrkarte von Næstved nach Lehndorf und drucke sie mir auf der Brücke aus. Mein Zug fährt 12:33 Uhr ab Næstved St.
Ich habe keine Eile. 
Nach dem Frühstück an Bord rufe ich ein Taxi und verabschiede ich mich von der Crew. Es war eine sehr angenehme Reise mit guten Leuten. Das Taxi kann ich in Ermangelung dänischer Kronen mit der EC-Karte zahlen. 
Die Bahnfahrt geht über die Fähre Rödby - Puttgarden, Hamburg, Leipzig, Lehndorf.
Eine wieder sehr angenehme und erlebnisreiche Fahrt geht zu Ende. Gegen 22 Uhr erreiche ich meinen Heimatbahnhof Lehndorf, wo mich meine Familie bereits erwartet.
Auch nach dieser Fahrt liegen wieder Briefe mit QSL-Karten in meinem Briefkasten, die ich gern alle direkt beantworte.

Für die zum Teil beigefügten IRC’s, Briefmarken und Greenstamps möchte ich mich auch dieses Mal bedanken.

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